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Der erweiterte Konzeptualismus von Henry Landers


Der transitorische Realismus


Am konsequentesten wirkt meine Art der s/w-Photographie dort, wo der Eindruck von körniger flirrender Transzendenz entsteht, wo sammelnde elementare Zustände Realität formen. Eine Realität im Transit. In meinen s/w-Photographien geht es nicht vordringlich um das sichtbare, benennbare Bildnis. Viel mehr geht es mir um den elementaren Prozess des Hervorbringens von Realität. Meine Photographien erinnern an hauchdünne Gewebeschnitte. Nur das hier ein Schnitt durch das Gewebe von Materie, Raum, Zeit und Leere gezogen wird, der möglicherweise sogar "Dunkle"-Materie und "Dunkle"-Energie erscheinen lässt.

Drei Aspekte


1. Leere – als Labyrinth

2. Körnigkeit – als 11-Dimensional Quelle von Realität (Calabi-Yau Maninigfaltigkeit)

3 Das Gleichnis – Weiß woher wir kommen und Schwarz wohin wir nicht gehen können. (angelehnt an Platons Höhlengleichnis)



Koernung
Bild aus der Serie "Mannigfaltigkeit IV - Transit - No.13", Originalgröße Detail

Image Technology

Basierend auf authentischer Photographie und einer von mir entwickelten speziellen Aufnahme- und Entwicklungstechnik – mit einem grobkörnigen Film sowie mittels einer digitalen Skalierungs-und Schärfungstechnik – lasse ich die tiefere Struktur des Sujets und des Filmmaterials sichtbar werden. So gelingt es mir mittels der authentischen Photographie Oberflächen von Objekten aufzulösen und selbst die Vorstellung der Öffnung der universellen Struktur von Realität in eine höhere Dimension sichtbar werden zu lassen. Im digitalen Prozess verwende ich ausschließlich Funktionen, die im Film vorhandene Strukturen vertiefen und visualisieren. Farben in der Körnung entstehen durch die Umwandlung von Grauwerten in Farbtöne. Homogene Farbflächen symbolisieren in meinen Bildern die materielle Leere, zugleich aber auch immaterielle emotionale Zustände. Kamera: Nikon FA, Objektiv: AF Nikkor 24 mm, Filter: s/w - Rot/Orange, Film: Kodak T-Max 3200 - 24 x 36 mm

1. Aspekt: LEERE

Aspekt 1: Leere ist eine Illusion. Sie ist ein Labyrinth, sie verstellt den Blick, sie maskiert die tieferen Welten, sie ist beängstigend für viele die das vorbehaltlose Sein verlernt haben. Reine Farbflächen symbolisieren in meinen Bildern die Leere im Raum. Sie zeigt uns nichts, gewährt uns aber dennoch nicht den Blick auf das Dahinter. Aus einer höheren Dimensionalität gesehen existiert keine Leere wie wir sie kennen. Materie, die relative Leere - der Raum zwischen den Oberflächen und die absolute Leere treten aus der gleichen Substanz hervor.

Koernung
Bild aus der Serie "Mannigfaltigkeit IV - Transit - No. 8", Originalgröße Detail

2. Aspekt: BILDKÖRNUNG

In der Körnung vereint sich eine inhaltliche sowie ästhetische Symbolik mit dem Ziel, unsere Erfahrungsperspektive in der Alltagsrealität auf subelementarer Ebene zu hinterfragen.

Ich gehe davon aus, dass Realität eine pulsierende Erscheinung ist. Stark vereinfacht beschrieben pulsiert unsere Realität in sehr kurzen Zyklen. Sie entsteht aus dem "Nichts", erscheint bis zur Vollendung und verschwindet wieder in das "Nichts". Darauf folgt eine neue Realitätssequenz usw. Dies geschieht allerdings in einem komplexen durchwobenen Prozess, in dem alle Zustände gleichzeitig wirken und somit der Anschein von kontinuierlicher Präsenz mit den uns bekannten Naturgesetzen entsteht.

Ich suche in meinen Bildern den Moment zu photographieren, in dem der vorhergehende Impuls von Realität vergangen war und seine neu entstehende Form noch nicht vollständig ausformuliert ist. Oberflächen sind noch nicht geschlossen, Schärfen noch nicht vollendet, Farben werden sich erst entwickeln und es scheint, als ob der Blick noch frei wäre, hinter die Maske dessen zu schauen was wir Realität nennen.

In der Superstringtheorie fand ich Inspiration und eine wissenschaftliche Reflexion meiner Vorstellung, wenngleich ich sie gänzlich undiszipliniert weiterdachte. Nach den Physikern Calabi und Yau sind die von ihnen entdeckten und nach ihnen benannten 11- dimensionalen Raum-Mannigfaltigkeiten symmetrisch im Abstand einer Plank-Länge vierdimensional im "Raum" verankert. Nach ihrer These sollen in jeder der 11-dimensionalen Raum-Manigfaltigkeiten vier Dimensionen entfaltet sein, aus denen unsere dreidimensionale Welt besteht (3 Raum-Dimensionen + 1 Zeit-Dimension) und weitere sieben Dimensionen sollen in der Raum-Manigfaltigkeit eng aufgewickelt sein. Diese 11-dimensionalen Raum-Manigfaltigkeiten setze ich auf Symbolischer Ebene mit der Körnung in meinen s/w-Photographien gleich.

Koernung
Bild aus der Serie "Mannigfaltigkeit IV - Transit - No. 10", Originalgröße Detail

3. Aspekt: GLEICHNIS

Im Gedanken an pulsierende Realität fand ich es plausibel die Frage zu stellen, ob es eine Kommunikationsstruktur im Universum geben könnte. Im näheren Hinterfragen dieser Idee traf ich auf die schon erwähnten Calabi-Yau-Manigfaltigkeiten, die meines Erachtens geeignet sein könnten, komplexe Realität aus höheren schöpfenden Dimensionen zu expremieren.

Um meinen Gedanken an einem praktischen Beispiel zu veranschaulichen hilft es einen ganz beliebigen Bildschirm eines Fernsehgeräts oder eines Smatphones dem Hölengleichnis von Platon gegenüber zu setellen.
Wobei der Bildschirm eine für uns ganz bekannte dreidimensionale Welt in eine zweidimensionale Darstellungswelt transponiert, die eine dreidimensionale Welt simuliert und sich wiederum in einer dreidimensionalen Realität befindet. Sogar die bekannten mystisch aufgeladenen Begriffe wie "Schöpfer", "Geschöpf", "Ebenbild des Schöpfers", "Licht der Schöpfung" etc. funktionieren in diesem kleinen Gedankenspiel verblüffend plausiebel und ganz und gar unmystisch, da wir selbst aus der Schöpferperspektive auf den Screen schauen. So verwende ich die mystischen Begriffe hier auch um den Rückgriff auf religiöse Erklärungsmodelle zu ermöglichen.

Was an meinem Bild sehr verschieden im Vergleich zu Platons Höhlengleichnis ist, ist die offene Zuschauerperspektive. Dort wo Platon die massive Höhlenwand vermutet, auf der sich das Abbild der als tatsächlich empfundene Realität als Schattenspiel zeigt, ist nach meinem Dafürhalten viel mehr die Entfaltung des Raumes in eine höhere Dimension, die sich unserem Einblick entzieht und von uns als tiefstes Schwarz gesehen wird.

Beim weiteren darüber nachdenken wurde mir bewusst, dass dieses zweidimensionale Screen-Bild aus der dreidimensionalen Welt zu betrachten ist. Aus den niederen Dimension des Bildschirms in die Höhere zu schauen ist den zweidimensionalen Abbildern ihrer Schöpfer in der Screen-Realität jedoch nicht möglich. Und das, obwohl sie nach dem Ebenbild ihrer Schöpfer erschaffen wurden, jedoch in einem niedriger-dimensionierten Raum mit der Illusion der höheren Dimensionalität "gefangen" sind. Ähnlich wie die von Platon gezeichneten Gefangenen in der Höhle halten die dargestellten Geschöpfe in der Screen-Welt eine niederdimensionale Darstellung für die gesamte Wirklichkeit. Mit dem Unterschied, dass, wenn wir die Hölen- und die Screen-Menschen danach fragen könnten, beide ihre niederdimensionale Realität für die einzig Wirklichkeit halten würden. Da Menschen unfraglich im Falle der Screen-Welt und der Schatten an der Höhlenwand die Schöpfer der Realitäten sind vermag uns das Bild modellhaft auf eine nachvollziehbare Weise dienen die von uns erfahrene Wirklichkeit vor Augen zu führen.

Würde es den Screen-Geschöpfen gelingen, wie Platon es in seinem Höhlengleichnis vorschlägt, in die Richtung ihres "Kommens" zu blicken, würde es ihnen ebenso wie den Menschen in Platons Höhle ergehen und sie würden in gleißendes fremd erscheinendes Weiß sehen. Die Screen-Geschöpfe könnten sich jedoch nicht selbst erkennen oder aus ihrer Screen-Welt heraustreten wie die Menschen in Platons Höhle. Sie würden auf ein Labyrinth von Transformationen stoßen, die Licht in elektrische Signale und sogar in elektromagnetische Wellen verwandelt. Eine materielle Verbindung zwischen der Welt der Schöpfer, unserer Welt und der Welt der Screen-Geschöpfe existiert nicht. Aus der Perspektive der Screen-Geschöpfe gesehen erscheint die Information aus der ihre Screen-Realität hervorgeht aus der Luft oder gar dem Nichts, aber genau genommen aus einer höheren Dimension. Hier führt uns unser Gedankenbild, aus unserer Erfahrungsperspektive gesehen, in die Vorstellung wie eine Verbindung zwischen einem niederdimensionalen- und einem höherdimensionierten Raum aussehen könnte.

Am Ursprung ihres Erscheinens würden die Screen-Menschen keine eigentlich Wirklichkeit entdecken können, sondern nur eine von drei Lichtfarben erhellte Leuchtmaske, eine stofflich universelle Matrix, mit der differenzierte Zustände abgebildet werden, die wiederum als stofflich gedeutet wcürden, weil es im "Drehbuch" der Geschöpfe und dem Bauplan der Matrix so vorgesehen ist. Selbst das gleißende weiße Licht würde sich bei genauer Betrachtung als eine vielfarbige Illusion erweisen.

Auf eine überraschende Weise führt uns der ethimologiosch Ursprung des Wortes "Screen" an eine Feuerstelle. Als "Fire-Screen" wurde im 14. Jahrhundert ein aufstellbares feines Gitter bezeichnet das vor den Kamien zum Schutz vor Funkenflug gestellt wurde. Generationen von "Zuschauern", die in das Feuer sahen, sich gegenseitig Geschichten erzählten, schauten erwartungsvoll auf den Screen. Lebendige Schatte und das tanzende Feuer belebten dabei ihre Phantasie.

Platons Schattenspiel der scheinbaren Realität die sich an der Höhlenwand so überzeugend zeigte wurde ebenso vom Licht des Feuers projeziert. Der "Fire-Screen" evancierte in einer einzigartigen Evolutuinsgeschichte vom Schattengitter vor dem Feuer zur Lochmaske eines Bildröhrenfernsehgerätes und anschließend zur dreifarbigen Leuchtdiodenmatrix die wir heute in jedem TV, Smartphone oder Laptop finden. Eine von vielen heute als eigentliche Wirklichkeit empfundene Realität unserer Gegenwart.

Was an meinem Bild sehr verschieden im Vergleich zu Platons Höhlengleichnis ist, ist die offene Zuschauerperspektive. Dort wo Platon die massive Höhlenwand vermutet, auf der sich das Abbild der als gesamte Wirklichkeit empfundenen Realität als Schattenspiel zeigt, setze ich in meinem Gedankenmodell die Entfaltung des Raumes in eine höhere Dimension, die sich unserem Einblick entzieht und von uns als tiefstes Schwarz oder Dunkel (Dunke Materie, Dunkle Energie) gesehen wird. Auch die im Screen gefangenen Menschen würden, wenn sie könnten in eine schwarze Leere schauen, sollten sie den Blick erheben um in die Richtung ihrer Zuschauer zu sehen. Sie würden zu erst ihre eigenen Schatten auf der Screen-Wand erblicken und dahinter in die Richtung sehen aus der sie von ihren Schöpfern gesehen werden.

Wenn wir uns das Gedankenbild noch einmal genau vor Augen halten könnte unsere dreidimensionale Realität sogar zwischen zwei höherdimensionierten Realitäten gefangen sein. Von der einen Seite würde sie hervorgebracht und von der anderen Seite betrachtet. Beide Richtungen entziehen sich in ihrer Natur unserer Vorstellungskraft.

Schwarz und Weiß, Weiß woher wir kommen und Schwarz wohin wir nicht gehen können. Dazwischen erscheint Realität in spezifizierenden, regenbogenartigen Grau-Verschränkungen.


Koernung
Bild aus der Serie "Mannigfaltigkeit IV - Transit - No. 1", Originalgröße Detail

ZEIT

Der von uns so akribisch gezählten Zeit kommt in meinem Bild eine exklusive Bedeutung zu. Zeit ist meines Erachtens ein synchronisierender Schmierstoff auf dem Realität entgleitet. Gäbe es den Schmierstoff Zeit nicht, käme es zu Realitäts-Verkräuselungen mit unvorhersehbaren Folgen in dem uns bekannten Universum. Vielleicht sind "Schwarze Löcher" solche Raum-Kräuselungen.

Es geht in meinen s/w-Photographien also vordringlich um die Körnung, ihre Symbolik die ich mit der Gestalt einer universellen Materialität, von der diversifizierte Zustände geschaffen werden, verbinde und nicht um das profane Bild was sich auf ihnen abzeichnet. Das Bild berichtet lediglich davon, an welchen Ort mich in meiner physischen und seelischen Präsenz die Photographie in unserer Realität führte.

Susan Sonntag schreibt in ihrem Essay über Photographie davon, dass Photographie eine untergehende Welt abbildet, dass es für diese Welt keine Rettung gibt. Und sie schreibt vom Tod des Augenblicks, der photographiert würde.

Aus meiner Sicht partizipiert Photographie hingegen an einem Realitätsprozess, der unseren Blick wie ein vorbeirasender Formel 1 Rennwagen, mit in die Zukunft reißt. Ich suche nach der Ahnung dessen, wie die kommende sich vollendende Realität aussehen könnte. Ich suche in meinen s/w-Photographien eine Vorahnung von Zukunft sichtbar zu machen.

Allein unsere Vorstellungen und Emotionen steuern diesen Prozess zum Guten oder weniger Guten, zum Leben oder Tod und zum Gelingen oder Scheitern. In meinen Betrachtungen stelle ich diesen Prozess in zwei Metaphern gegenüber. Es ist "Das romantische Spektakel des pyromanischen Feuerwerks des Scheiterns" was sich gegen "Die Bescheidenheit der Erfüllung" stellt.

Körnung Auge
Bild: Mannigfaltigkeit III - Three Times 15 Shades of God (Grabeskirche / Jerusalem)

IDENTITÄT UND ANONYMITÄT IM WECHSELSPIEL

Photographie wie ich sie verstehe bedarf der unbedingten Anwesenheit des Photographen. Sie führt mich durch die Welt, durch interkulturelle Räume, bedingt zwischenmenschliche Interaktionen um "Die dritte Entsprechung" zu finden, von der ich glaube dass sie eng mit der natürlichen Weiblichkeit in Verbindung steht. Keine andere ausdrucksform in der Kunst bedingt die unmittelbare gleichzeitigkeit der Anwesenheit des Ausübenden und des Sujets gemeinsam an einem Ort wie die Photographie. Das ist der Grund, weshalb ich Photographie als eine meiner Ausdrucksformen wählte.

Henry Landers 2013

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